Im Mai 2003 feierte die SPD
140-jähriges Jubiläum. Anlass ist die Gründung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins im Jahr 1863.
Das war damals gewissermaßen die Keimzelle der deutschen Sozialdemokratie.
Die dreifache SPD
Auch vor 50 Jahren feierte
die SPD Jubiläum. Aber die Feiern zum damals 90-jährigen
Bestehen hatten in der Saarpfalz etwas Besonders; es gab
nämlich drei SPDen gleichzeitig, es gab Geheimsitzungen
in Hinterzimmern von Bechhofen, es gab illegale
Ortsvereine in Vogelbach und Homburg, es gab harte persönliche
Konflikte. Hintergrund der seltsamen
Situation war der Status des Saarlandes nach dem 2.
Weltkrieg. Wegen ihrer Steinkohlegruben und ihrer Hochöfen
war die Region wirtschaftlich und politisch interessant.
Sieger Frankreich stellte Ansprüche, bekam schließlich
die Grubenverwaltung, und das Saarland wurde mit einer
staatlichen Teilautonomie ("Protektorat") in den französischen
Wirtschaftsraum eingegliedert.
Die SPD, die in
Deutschland längst wieder aktiv war, durfte unter den
neuen saarländischen Bedingungen keine Rolle spielen.
Eine sozialdemokratische Neugründung mit dem Namen
Sozialdemokratische Partei des Saarlandes (SPS) bekam
aber - wie die Christliche Volkspartei CVP, die KP und
die Saar-Liberalen - von der Militärregierung 1946 ihre
Zulassung.
Sie arbeitete danach in der Verfassungskommission mit,
erreichte 1947 bei der Wahl zur Gesetzgebenden
Versammlung (später: Landtag) rund ein Drittel der
Stimmen, stellte bis in die 50-er Jahre Minister in der
Regierung von Johannes Hoffmann (CVP).
Damals noch ungeklärt
war, wie es mit dem Saarland überhaupt weitergehen
sollte. Die "Saarfrage" wurde nicht nur für
das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich,
sondern für die internationalen Beziehungen insgesamt
zu einer Belastungsprobe.
Die SPS hatte - wie die anderen zugelassenen Parteien -
große Sympathie mit einer europäischen Perspektive für
das Saarland: wirtschaftlicher Anschluss an Frankreich,
staatliche Autonomie. An der Saar könne durch die
Ansiedlung europäischer Institutionen wie die
"Montanunion" auf quasi neutralem Gebiet
demonstriert werden, dass das gemeinsame Europa
funktioniert, argumentierten die Sozialdemokraten.
Aber bei weitem nicht
alle! Da war zum Beispiel Kurt Conrad (Homburg), der für
die SPS im Parlament saß, aber gegenüber dem
frankreichfreundlichen Kurs seiner Partei mehr als
skeptisch war. Er verfolgte zusammen mit anderen eine
Linie, die sich ohne Wenn und Aber an einer
Eingliederung in Deutschland orientierte.
Der Abstimmung über die Präambel der saarländischen
Verfassung war er zum Beispiel fern geblieben, weil sie
aus seiner Sicht viel zu starke Bindungen an Frankreich
definierte.
Mit dieser Haltung geriet
er in der SPS immer stärker unter Druck. In der Partei
begann es zu knirschen; denn Kurt Conrad stand nicht
allein. Die Gründung einer prodeutschen
sozialdemokratischen Partei für das Saarland wurde also
vorbereitet. Das bedeutete allerdings auch einen klaren
Bruch des Verbots der SPD und wurde in Saarbrücken und
Paris misstrauisch beobachtet.
Die Verfechter
versammelten sich deshalb heimlich, zunächst in Orten
jenseits der nahen Landesgrenze, in der Westpfalz, dort
durchaus unterstützt von der deutschen SPD. In
Hinterzimmern von Bechhofer Kneipen wurde endlos über
die richtige Taktik debattiert. Im pfälzischen
Vogelbach gründeten die Sozialdemokraten von
Bruchof-Sanddorf einen extraterritorialen Ortsverein,
nachdem sie geschlossen die SPS verlassen hatten.
1952 rief Kurt Conrad
dann die Gründung der dritten sozialdemokratischen
Partei aus. Die DSP - Deutsche Sozialdemokratische
Partei - wollte frühzeitig in die Vorbereitung der mit
Frankreich vereinbarten Volksabstimmung von 1955
eingreifen. Dazu musste sie aber zugelassen werden. Und
das war bei dem strengen Parteiengesetz keine
Kleinigkeit. Das Bekenntnis zu einer "deutschen Lösung"
war ja im Grunde verfassungsfeindlich!
Die DSP etablierte sich
dennoch im Jubiläumsjahr 1953 von Homburg aus
landesweit, bildete einige - illegale - Ortsgruppen.
Mangels rechtlicher Anerkennung durch die
Landesregierung konnte sie sich aber doch nicht
durchsetzen. Die Korrespondenz zwischen Kurt Conrad und
dem Innenminister versandete nach und nach. Die Parteigründung
wurde jetzt von Saarbrücken regelrecht ignoriert. Was
aber auch den Vorteil hatte, dass selbst Landesbeamte
sich in der Illegalität straflos für die DSP
engagieren konnten.
Kurz vor dem Referendum
von 1955, bei dem es um die Einführung eines europäischen
Statuts für das Saarland ging, durften dann auch die
deutschfreundlichen Parteien in den Abstimmungskampf
eingreifen. Bei der Volksbefragung
vom 23. Oktober 1955 stimmten 67,7 Prozent der
Wahlberechtigten gegen das Statut, also faktisch für
eine Eingliederung in die Bundesrepublik.
Bei der ersten Landtagswahl danach (Dezember 1955),
kandidierten die DSP (seit November wieder offiziell als
"SPD") und die SPS gegeneinander. Die SPD
stellte sieben Abgeordnete, unter ihnen war Kurt Conrad.
Die SPS bekam zwei Mandate.
Es war nun Zeit für eine
Lockerung, beide sozialdemokratische Lager näherten
sich einander wieder an, was wegen vieler persönlicher
Zerwürfnisse nicht einfach war. Kurt Conrad wurde zum
Versöhner. Die SPS löste sich 1956 auf,
Rechtsnachfolgerin wurde die SPD. Das Schisma war
beendet, und Kurt Conrad wurde an der Saar als Minister,
Landesvorsitzender und SPD-Fraktionssprecher zu einer
der wichtigsten landespolitischen Persönlichkeiten.
©
Wolfgang Kerkhoff, Januar 2004
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