Der allerlängste ...
Im Milieu, in dem ich lebe, heißt es oft: „Ach,
hätten wir doch weniger Gesetze! Das wär schön, wenn wir weniger müssen
müssten!“ Ich werde dann tunlichst leise, weil ich gern mehr Gesetze hätte,
aber auch weiß, dass das in meinem Milieu als politisch nicht ganz korrekt
empfunden wird.
Neulich zum Beispiel: Da bin ich mit meinem Vorschlag, endlich ein
Superlativverbreitungsgesetz zu erlassen, derbst an die Wand gefahren. Ich
denke mir nun, dass in meinem Milieu wenig Radio gehört wird, denn dort wird
doch auf wunderbare Weise vorexerziert, wie angenehm und segensreich so ein
tägliches Quantum von sagen wir: 200 Superlativen auf den Organismus wirkt.
Morgens direkt nach dem Aufstehen: „Saarlands bester Musikmix!“. Dann gegen
zehn: „Der schnellste Staumelder!“ Und mittags: „Saarlands bester
Blitzreport!“. Am Nachmittag erleben wir den definitiv „besten
Wetterbericht“, für das „schönste Bundesland der Welt“ noch dazu! „Die
größte Vielfalt!“, na klar. Und der Staatssender vermeldet: „Der beste
Mega-Mix, News und Hits!“ Alle paar Minuten. Ist das nicht süß!
Ich denke mir nun: Das müsste doch auf andere Lebensgebiete ohne viel
Retuschen zu übertragen sein. Nehmen wir die Gastronomie, wo uns kein
Höhepunkt zu viel sein dürfte. Ungefähr da, wo früher der Stehgeiger stand,
könnte der Melder (oder wird es eine Melderin?) sich aufbauen. Und: „Die
zarteste Versuchung, seit es Blutwurst gibt“ – „Das geschmeidigste
Kalbsschnitzel aller Zeiten!“ – „Der gemischteste Salat westlich des Ural!“
– „Die al-dentigsten Linguine!“ – „Der geruchärmste Döner im äußeren
Süd-Ost-Saarpfalz-Kreis!“
Auch andere Sektoren sind geeignet. „Saarlands pünktlichste Regionalbahn!“ –
nein, das traut sich keiner. Aber „Saarlands relativ längste Landebahn!“,
das macht auch den verzagtesten Passagieren Mut, wenn der Kapitän es
spätestens über Ensheim mindestens drei Mal nach hinten ruft. Dann stelle
ich mir noch die Rufe nach unten am offenen Grabe vor: „Die sanfteste Ruhe
…“ Oder im Schlafzimmer: „Der allerlängste … Akt seit Aschermittwoch!“
Ach, wär das schön!
Und immer weiß man genau, woran man ist. In der besten aller möglichen
Welten nämlich, würde Herr Leibniz zufrieden vermerken.
Irgendwie ist mein Superlativverbreitungsgesetz alternativlosest. Jedoch:
Ich spüre Widerstand. Zum Beispiel, weil die Superlativressourcen ja
bekanntlich begrenzt seien und es nur eine Frage der Zeit wäre, bis wir (per
Gesetz!) den Hyperlativ vorantreiben müssten. Da ist leider etwas dran.
Zumal Wendungen wie „optimalst“, „brutalstmöglichst“ oder „einzigst“ sich in
den besten Familien ja schon lange breit machen.
Aber das Gegenargument der anderen wiegt eigentlich schwererer: „Fremdes Lob
ist besser als eigenes.“ Das ist immerhin lupenreiner Demokrit.
So dass wir also Fremdhyperlative wollen sollten, die sich in etwa so
anhören: „Einzigstes Einzigstes Mädgen – und ich kenne ihrer Viele!“ – Das
war zwar nicht im Schlafzimmer, ging aber wörtlich so vom Geheimrat mal an
die Adresse von Augusta Louise zu Stolberg-Stolberg. Und zwar, ich gebe es
zu, ganz ohne Gesetz.
©
Wolfgang Kerkhoff, 2011
Foto: S. Hofschläger bei pixelio.de
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