Herta Müller:
Atemschaukel. Carl Hanser Verlag 2009, 300 Seiten.
Grausam-schöne Poesie des Hungers
In dem russischen
Arbeitslager, in das es Leo Auberg 1945 verschlagen hat, wird gehungert und
gestorben. Es wird schikaniert und geschossen. Dem 17-Jährigen, aus dessen
Perspektive die „Atemschaukel“ geschrieben ist, war kein Prozess gemacht
worden. Er kam wie viele andere ins Lager, weil er Deutscher war. Deutscher
in Rumänien. „Machen Sie doch keinen solchen Lärm mit Ihrer Unschuld!“ sagt
in Kafkas „Prozess“ einmal der Aufseher. Leo macht keinen Lärm. Er sieht
ein: „Für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.“
Bald handelt er „in stabiler Gleichgültigkeit, vielleicht in mutloser
Zufriedenheit“. Zu seiner Paranoia gehört, dass er die tägliche Schinderei
irgendwann als Mission empfindet: „Jede Schicht ist ein Kunstwerk.“
Herta Müller fasst diese
Störung in eine eigenständige, zuweilen kindliche, zuweilen stark
bildbefrachtete Sprache. Manche haben ihr deshalb vorgeworfen, sich
unzulässig am Rand des Kitschs zu bewegen. Aber dieser Grenzgang ist
kalkuliert, eben weil er das Absurde, den Unsinn aufdringlich abbildet. „Die
Luft im Zimmer schaut mich an und riecht nach warmem Mehl.“ Wenn einer
täglich großen Hunger hat, kann das leicht passieren.
„Ich wollte langsam essen,
weil ich länger was von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein
Hund vor dem Teller und fraß.“ Leos Gefangenschaft endet nach fünf Jahren,
nein: sie endet eigentlich nicht. Denn was er an Leid aufgesogen hat, macht
ihn daheim zu einem lethargischen „Nichtrührer“.
Einer, der es ähnlich
erlebte, war Oskar Pastior, Siebenbürger und Überlebender der „Hautundknochenzeit“
in einem Lager Stalins. Mit ihm, dem dadageneigten Poeten, wollte Herta
Müller gemeinsam über die sorgsam verschwiegene Deportation der 80.000
Rumäniendeutschen schreiben, aber er starb 2006. Nun ist die „Atemschaukel“
(eine Metapher Pastiors) Herta Müllers meisterliches Buch geworden. Ein Buch
mit einer Sprache, deren grausam-schöne Poesie auf 300 Seiten kaum einmal
lockerlässt.
©
Wolfgang Kerkhoff, 2009
Foto: Reinex @ pixelio.de
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