Gert Heidenreich: Das
Fest der Fliegen, LangenMüller 2009, 360 Seiten.
Auch als vom Autor gesprochenes Hörbuch.
Höllenfahrt der Engel
Kegelschnecken sehen eher freundlich aus. Aber ihr Gift geht
auf die Nerven. Genauer gesagt: Es bringt die Signalleitung der Nervenzellen
durcheinander und kann schnell zum Tod führen. Auch bei Menschen. Im Roman
von Gert Heidenreich spielen Conotoxine eine Rolle. Sie werden benutzt, um
Menschen aus dem Weg zu räumen, die Gottes Mutter beleidigt haben.
Jedenfalls aus der Sicht einiger Eiferer.
Hier wird aus Fanatismus gemordet, in diesem Fall ist er hyperkatholisch.
Die Gefahr, dass Täter wie diese Engelslegionäre heute zuschlagen, dürfte
kaum größer sein als die, im tropischen Wasser von einem conus
pupurascens erlegt zu werden.
Aber egal. Das Genre Kriminalroman lebt nicht von der Alltagstreue, sondern
von Spannung, Überraschung.
Wäre der Krimimarkt der von Zeitungen und Zeitschriften, dann gäbe es viel
Welt der Frau, es gäbe leider Bild und gäbe aber auch:
Cicero. Das erhabenere Segment hat in den letzten Jahren zugelegt, Namen
wie Wallander kann man im Gespräch fallen lassen, ohne sie zu erklären. Wo
Personen so beschrieben werden, dass man ihnen gerne oder lieber nicht
begegnen würde, wo die Handlung schlüssig und doch unerhört ist, wo die
Sprache eben nicht die Hure der Spannung spielt – da geht es um Literatur
mit Kriminalitätshintergrund.
Gert Heidenreich ist ein klarer Kopf. Er hat sich in früheren Jahren mit
erhöhter Kampfbereitschaft gegen Neonazis und antiliberale Tendenzen im
Staat einen guten Namen gemacht. Er ist politischer Essayist („Über die
Abwesenheit des Geistes in der Macht“), Bühnenautor, Übersetzer, Lyriker. Er
kann auch Krimi. Wäre der Krimimarkt der von Zeitungen und Zeitschriften,
hätten wir uns mit dem "Fest der Fliegen" vielleicht die Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung eingekauft, intensive Qualitätsware.
Eine rätselhafte Mordserie; es macht Vergnügen zu sehen, wie sich von Seite
zu Seite die Mosaiksteine logisch fügen. Manche Leser werden sich mit
längeren lateinischen Zitaten schwer tun. Andere mit älteren katholischen
Texten, weil diese authentisch sind und wie der „Antimodernisteneid“ im
Umfeld der seltsamen Piusbrüder bis heute wirken.
Das Buch endet, nach reizvoller Beschleunigung der Handlung im letzten
Drittel, übrigens nicht mit einer Festnahme, sondern, das darf man verraten,
mit einer stilvollen Höllenfahrt des Obersten der „Legion der Engel“.
©
Wolfgang Kerkhoff, 2010
Foto: Rolf Handke @
www.pixelio.de
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