Reinhold Messner:
Westwand: Prinzip Abgrund, Verlag S. Fischer 2009, 224 Seiten.
Immer rund um den Kailash
„Das Ego aber ist keine Krankheit“. Also sprach Reinhold
Messner im Buch „Westwand“. Recht wird er haben. Nur: Überdurchschnittliche
Egos wie er ecken schnell an. Und so gibt es auch mit dem Erscheinen des
Films „Nanga Parbat“ – unabhängig von dessen Qualität - wieder Stress.
Hat Messners Ehrgeiz dem Bruder 1970 das Leben gekostet? Hat dessen Ehrgeiz
umgekehrt damals den Bruder Reinhold in eine Gefahr gebracht, der mit
menschlichen Kräften kaum zu entkommen war? Es gibt zu dem Thema nur
befangene Zeugen, also keine Wahrheit.
In den Kapiteln 30 bis 32 führt Messner zu dem Film hin: „Joseph Vilsmaier
und mir geht es im Nanga-Parbat-Film um Bruderliebe und die Überlebenskunst
jenseits der Zivilisation. Auch um unbedingten Überlebenswillen.“ -
Marketing, könnte man sagen. Ein waghalsiger Ausflug auf den Ortler, 2004,
bildet im Buch eine Art Rahmenhandlung. Der Ortler ist nun auch die
Realkulisse für weite Strecken des Films.
„Westwand“ versammelt Aufzeichnungen aus drei Jahrzehnten. Gut geschrieben.
Routenromantik, Umweltethik und Bergsteigerdogmatik laufen glatt zusammen.
Vor 30 Jahren habe ich zum ersten Mal Messner live erlebt. Als Lokalreporter
schrieb ich über den Diavortrag: „Seine Philosophie bleibt dunkel.“ Damals
schon: Das Raunen über das „Prinzip Abgrund“, wie es hier Titel auch heißt;
die nur aufs Ich bezogene Rechtfertigung des „Grenzgangs“ in eigener
Verantwortung, das rätselhafte „Ich bin, was ich tue“, beides auch
Leitmotive in diesem aktuellen Buch.
Die allmähliche Verfertigung einer Theorie beim Schreiben – so geht das seit
den 70-er Jahren. Der Mann kreist um sich selbst wie die Pilger um den nie
bestiegenen heiligen Kailash. Nach 40 Büchern fügt aber auch dieser Band dem
großen Ganzen etwas hinzu und ist daher lesenswert. Man versteht das
Gesamtkunstwerk Messner wieder ein Stück besser. Kantiges Selbstbewusstsein.
Ich habe den Grenzgänger bewundert. Warum? In so einem Absatz finde ich mich
leicht wieder: „Meine Hände tun [beim schwierigen Klettern], was sie tun
müssen, und sie tun das Richtige. Als folgten sie fremden Impulsen.“ Und
dann kommen Zweifel, Messner verliert alle Gelassenheit, wenn er, wie in der
Mitte des Buchs, nur Kotfässer über seine Gegner ausschüttet.
Seine Philosophie bleibt weiter dunkel: „Wir sind unser eigenes Schicksal.“
Insofern sind sein Diskurs und sein Leben der Poesie verwandt: „Bergsteigen
ist etwas zwischen Spiel und Kunst.“ Sinnfragen schießen ins Leere: „Ich
kann es nur machen, nicht verteidigen.“
©
Wolfgang Kerkhoff, 2010
Foto (Ausschnitt): Marc Tollas @
www.pixelio.de
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